Der lange Schatten des Fleischersohns Ulrich Hoeneß

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This here for the money homeboy
Money money money train ……
It’s like we evolve till we fall
And we done fall till we evolve

Es geht ums Geld, Keule
Geld Geld Geld Geld und Du wirst uns nicht aufhalten!
Als entstünden wir, um zu fallen
Wir fallen bis zur Wiedergeburt

 

We Gangsta. Birdman.

 

The golden age of the future comes
That which was dreamed of in the past
Where freedom reigns on minds of peace
Minds rich in wisdom to the last

Children of the Sun. Hawkwind

 

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Vor zwei Wochen bot DIE ZEIT sich als Verteidigungsraum für Uli Hoeneß an. Diese Wochenzeitung, von der wirtschaftlich-intellektuellen Oberschicht deutschsprachiger Länder gelesen, ermöglichte es Hoeneß, sich zum Opfer zu stilisieren. So prangte auf der Titelseite von Ausgabe 2013/19 ein Schulkind-steht-in-der-Ecke-Satz in rosa Schrift vor Hoeneß’ schwarzweißem Konterfei: “Ich gehöre nicht mehr dazu.”

Warum sagt er das? Weshalb gibt ein starker Mann wie Hoeneß das Opfer? Soll durch diese Verharmlosung der eigenen Persönlichkeit etwa Einsicht vorgetäuscht werden? Doch ob Ulrich Hoeneß, geb. am 05.01.1952 in Ulm, Badem-Württemberg, Deutschland, Einsicht zeigt oder nicht, ist gar nicht entscheidend – denn Einsicht ist ein altes Wort, auf dem ganz viel Staub liegt.

Deshalb nehme ich mich zurück: Denn niemand weiß, ob Ulrich Hoeneß Einsicht zeigte oder nicht, ob er sie zeigt oder (Totschlagargument pro Hoeneß) ob er sie gezeigt haben wird.

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Hier bist Du gefragt – soll künftig der Vermieter die Maklerprovision zahlen?

Hier bis Du gefragt - soll künftig der Vermieter die Maklerprovision zahlen?  Auf www.maxneu.de

Viele kennen es und keiner mag es – Geld zu bezahlen, um in eine Mietwohnung einziehen zu können. Bisher muss der Mieter die anfallende Maklerprovision berappen. Der Stadtstaat Hamburg will jetzt eine Neuregelung auf den Weg bringen, die auch in den übrigen Bundesländern Anwendung finden soll. Hiernach würde der Vermieter für die Provision oder zumindest für einen Teil davon aufkommen.

Wie ist Deine Meinung darüber? Stimme einfach mit Ja oder Nein ab oder hinterlasse einen Kommentar. Nutze dazu das Antwortfeld unten.

Bitte verbreite diesen Artikel über Twitter oder Facebook – denn dieses Thema betrifft uns nahezu alle. Je mehr Leute mit Ja abstimmen, desto größer wird der Druck auf die hessischen Politiker. 

 

Bildquelle: www.friseur-ausbildung.info

 

Gewalt bei Ruhrpottderby – Kurzer Blick auf die Szene der Hooligans und Ultras

Gewalt bei Ruhrpottderby - Kurzer Blick auf die Szene der Ultras  Auf www.maxneu.de

Vergangenen Samstag kam es beim Ruhrgebietsklassiker Dortmund gegen Schalke 04 zu schweren Ausschreitungen. Vor dem Spiel zerlegten Fans das Mobiliar einer Kneipe, um es als Wurfgeschosse und Schlagwaffen zu nutzen. Gewaltbereite Fans zogen durch die Dortmunder Innenstadt, randalierten dort und griffen Unbeteiligte an.

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Looper – ist das ein guter Film?

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Looper. Science-Fiction Thriller. 2012. Regie: Rian Johnson. Darsteller: Joseph-Gordon Levitt, Bruce Willis, Emily Blunt, Pierce Gagnon.

 

 

Because we separate

Like ripples on a blank shore 

Radiohead. Reckoner.

 

Joe (Joseph-Gordon Levitt) ist von Beruf Looper. Seine Aufgabe besteht im Eliminieren von Menschen, die aus der Zukunft in die Vergangenheit geschickt werden. Er reist zwischen den Jahren 2074 und 2044 umher, wird für jeden Mord mit Silberbarren bezahlt und ist abhängig von einer durch die Augen eingenommenen Droge.

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Der stumme Tod des letzten Schreis – Wer schreit nun auf? Zur Räumung des Vorplatzes in Frankfurt

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“WIR sagen und ICH meinen ist eine von den ausgesuchtesten Kränkungen.”

Theodor W. Adorno

* * *

 

“What we`ve got here is failure to communicate.

Some men you just can`t reach…

So you get what we had here last week -

Which is the way he wants it

Well, he gets it!

I don`t like it. Anymore than you men.”

 

Civil War. Guns N`Roses

 

Ein Bürgerkrieg muss kein Bürgerkrieg sein. Ein Krieg unter Bürgern kann als Krieg aus Ideen bestehen; aus unterschiedlichen Haltungen und Wertevorstellungen darüber, wie Gesellschaft aufgebaut sein und funktionieren kann. Es funktioniert ja. Alles.

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The Wire ist großes Kino in Serienformat

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The Wire. TV-Serie. 2002-2008. Schöpfer: David Simon. Darsteller: Dominic West, Idris Elba, Deirdre Lovejoy, Sonja Sohn.

 

The Wire ist eine amerikanische Fernsehserie, die von 2002 – 2008 produziert wurde. Die Handlung spielt in der Hauptstadt von Baltimore, Maryland. Wegen seiner hohen Mordstatistik wird dieser Landesteil im amerikanischen Volksmund auch Bodymore, Murderland, genannt. Der Baltimore Sun zufolge wies Baltimore in 2008 die landesweit höchste Mordrate mit 37 Morddelikten per 100.000 Einwohnern auf.

Millieuübergreifend erzählen die Folgen vom Leben der Stadtverwalter, Gangster und Cops in Baltimore. The Wire glänzt durch die nüchterne Pragmatik seiner Erzählkunst. Das ausgebeutete Thema der Gewalt wird mit medizinischer Nüchternheit angepackt; deshalb wirken Szenen und Figuren echt und glaubwürdig.

Die Identifikation mit Mördern und Gangsterbossen geschieht wie die Identifikation mit den Cops; mittels wiretapping (dem Abhören von Telefonaten)  beschatten sie die Verbrecher. Findet man eine Figur sympathisch – ob Polizist oder gewissenloser Drogendealer –  kann sie in der nächsten Folge umgebracht worden sein. Der Mord an Omar, einer Art homosexuellem Robin Hood der Moderne sowie die Hinrichtung von Gangsterboss Stringer Bell gehören wohl zu den populärsten Beispielen der Serie; besonders mit Blick auf die Täter. Omar, berüchtigt und gefürchtet, wird hinterrücks von einem Kind erschossen.

Die Unplanbarkeit des Lebens findet hier volle Anerkennung, da David Simon während der Drehzeit über die Popularität der Figuren beim Publikum hinwegging. Simon, ehemaliger Polizeireporter, enttäuschte die Erwartungen der Zuschauer derart, dass sich von einer Stilform sprechen lässt. Die Ablehnung gängiger Produktionsmuster erhebt die “Wirklichkeit” der Serie zu etwas Autonomen und Eigenständigem. Hier liegt ihre Qualität.

Obwohl The Wire zu den Perlen der TV-Geschichte zählt, möchte ich es nicht Lorbeeren regnen lassen. Das geschah in den letzten Jahren durch überschwängliche Vergleiche mit Literaturklassikern wie Kafka oder Dostojewski zur Genüge. Aber müssen diese Vergleiche sein?

 

David Simon

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Aufstieg zum Kult wurde The Wire von den Medien vielfach überbewertet,  woran David Simon sich manchesmal stört. Das Onlinemagazin Grantland veröffentlichte Neuzusammensetzungen der Wire-Charaktere einer Basketballspielaufstellung ähnlich und spekulierte darüber, inwieweit das den Lauf der Handlung verändern könne. Außerdem traf Grantlands Chefredakteur Bill Simons  im April 2012 auf Barack Obama, wobei er die Gelegenheit nutzte, ihn nach seinem Favoriten der Serie zu fragen. Auf Grantland stellte man das Treffen leicht großspurig aus: Link zum Artikel

Simon war nicht angetan. Anstatt mit der wettbewerbsartig dargestellten Umbesetzung der Charaktere die Serie in “Popkulturnuggets” zu zerschreddern, hätte es Sinn gemacht, Obama gezielte Fragen zur  Drogenpolitik und zur chronischen Überfüllung amerikanischer Gefängnisse zu stellen. Gleichzeitig räumt Simons ein, dass man dazu Eier haben müsse: “Balls out like that. Truth to power. Brah. Get some.” Link zu einem Essay Simons, u.a. über das Medienecho von The Wire

Aus der Auseinandersetzung mit Simon und den Medien erschließen sich Simons Haltung und Intelligenz: Bemerkenswert, dass er permanent flucht und der Gereiztheit freien Lauf lässt –  ohne dabei ins Substanzlose zu fallen.

Durch seine psychologische Tiefe und erzählerische Schnörkellosigkeit ist The Wire zu einem Meilenstein der Literaturgeschichte geworden. Welcher Literaturgeschichte auch immer.

 

LINK ZUM PROMOTRAILER

 

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Gökhan Tatchouop * Kam Blieb Ging Bleibt + + + Teil 1

Gökhan Tatchouop * Kam Blieb Ging Bleibt  Auf www.maxneu.de

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30 minutes in second wind / Call it cardiooooo 

I go up and down round and round / Super mario

Takin`It There. Young Jeezy

Mein bester Freund heißt Gökhan Tatchouop. Er starb 1999 an Krebs. Von seinem endgültigen Tod erfuhr ich telefonisch, als ich mich mit meiner damaligen Freundin in Gießen aufhielt. Der eine Satz durchs Telefon: “Gökhan ist tot.”

Alle wussten, es war unvermeidbar; doch wenn der Moment dann tatsächlich gekommen ist, will man es nicht verstehen; wahrhaben; realisieren. Mit dem Tod ist das so eine Sache. Hatte nie einen Opa. Vor meiner Geburt war der eine an Alkoholismus, der andere an Herzschwäche gestorben.

Gökhan wuchs schneller als andere Jungen. Die meisten schätzten ihn 4,5 Jahre älter als er war. Einmal sagte er zu mir: “Deine Mutter und Du, Ihr seid nicht wie die anderen Deutschen.”

Damit traf er keine rassistische oder abwertende Aussage, sondern meinte, dass er sich als Afrotürke in Deutschland von meiner Mutter und mir akzeptiert fühlte. Er hatte mit Rassimus zu kämpfen. Als er 10 war, hatte ihn ein älterer Mann auf der Straße gegen einen Zaun geklatscht; grundlos; Frankfurt Multikulti. Allright?

Die GIs waren in den frühen Neunzigern aus Frankfurt abstationiert und zurück in die USA geschickt worden. Musste nichts bedeuten. Gökhan war ein Vermittler der Kulturen. Er brachte Leute zusammen und betonte nicht selten, wie wichtig Verständnis und gegenseitger Respekt seien. Er glaubte an Allah und an Rap; er glaubte an das Schöne und ans Taggen und an Rap. Wie ich.

Heute auf den Tag vor 19 Jahren wurden wir gemeinsam eingeschult. Vom ersten Tag an 5. Klasse saßen wir nebeneinander. Wir freundeten uns auf Anhieb an. Auch kannte er die ganzen Größeren, zu denen ich aufsah. Er war immer ein paar Jahre voraus. Nicht jeder von den Jungs konnte mich riechen; für viele blieb ich doch  nur der Deutsche. Darunter litt ich; hatte schwer daran zu tragen.

Aber Gökhan wich mir nie von der Seite. Gab es Stress, war er da. Im Alter von 13 schlug ein 18-jähriges Pillenopfer mich mit einem gezielten Fausstschlag ohnmächtig. Also ich betrat gerade die Raucherecke der Schule, wie immer zurückgegelte Haare + olivgrüne Alpha-Bomberjacke. Der Penner packte mich am Kragen, zog mich an sich heran und wuchtete mir im selben Moment die Faust ins Gesicht; ich ging zu Boden. Konnte mich nur an das Packen meines Kragens erinnern, denn das war mit Wucht und Entschlossenheit geschehen. Der Grund dafür war, dass ich zu ihm am vorhergehenden Wochenende “Halt`s Maul” gesagt hatte und dann mit meinem Fahrrad abgehauen war.

Nun: Ein Lehrer schickte den Typ ins Lehrerzimmer, damit er seine Tat dort angeben sollte. Scheiß drauf. Ein paar Minuten später kam er wieder runter, denn er wusste, die Schule interessierte das nicht wirklich. Vielleicht auch, da ich als unzähmbar und unkontrollierbar galt. Ich war unzähmbar und unkontrollierbar;  denn ich fühlte mich von keinem Lehrer verstanden.

Aleksey, der mich kurz zuvor ohnmächtig geschlagen hatte, stellte sich in die Raucherecke; machte eine Marlboro an. Bora, Zafer, Boris, Anton, Kerim, Ronnie, Murat, Mishdad; alle wussten, was los war. Bora spuckte Aleksey ins Gesicht und gab ihm eine Schelle. Ein paar Jungs traten ihn, das Übliche. Aleksey bekam die Packung. Am darauffolgenden Wochenende, Aleksey kam um 6,7 Uhr morgens verfeiert aus dem Omen (SVEN VÄTH) entdeckten ihn ein paar von Gökhans Jungs am Goetheplatz. Sie stachen ein Messer in ihn rein; er hatte halbwegs Glück, denn er trug eine dicke Raverjacke, die den Stich halbwegs abwehrte.

Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Ist so. Also Gökhan war mein Bruder. Ich liebte ihn wie einen Bruder; zwar habe ich 8 Halbgeschwister, doch bin mehr oder weniger als Einzelkind aufgewachsen. Gökhan Tatchouop war mein Beschützer. Wie ein großer Bruder eben; obwohl er 1 Jahr jünger war.

 

Für heute höre ich auf, über Gökhan Tatchouop zu schreiben. Das Thema geht mir zu nahe.

 

Zum Abschied ein Video. Du bist nie gestorben, Bruder. 

Du bleibst und wenn ich Angst habe, schützt und beschützst Du mich. Ich habe Deine Mutter gesehen; sie nennt mich ihren Sohn. Ich habe Deinen Vater gesehen; er nennt mich seinen Sohn. Du existierst weiter in meiner Seele. Der einzig echte Ort ist die Seele.

Weißt Du noch, wie Du in meinen Traum kamst vor 10 Jahren – da ging es mir wirklich schlecht. Du kamst, legtest Deinen Arm auf meine Schulter und sagtest, dass Du immer da bist.

Ich glaube Dir, Bruder. Du musst nicht in Frieden ruhen. Nur Fleisch tut das. Gökhan Tatchouops Seele bleibt.

 

***   **   *     *************

 

1993: Moses Pelham hat mit Rödelheim Hartreim Projekt den Durchbruch geschafft; er ist in Deutschland bekannt geworden und wird mit diesem Album die deutsche Raplandschaft nachhaltig beeinflusst haben. Hörer, die die Fantastischen Vier für phony hielten, wurden mit diesem Album bestätigt und feierten es.

Gökhan, ein paar Kumpels und ich streifen durchs Frankfurter Westend. Einen Stadtteil, in dem viele Menschen mit viel Geld wohnen. Ich weiß nicht, wie wir das mit 12,13 wahrgenommen haben. Doch damals sahen wir auf zu einem wie Moses P. Zu dem, der was aus sich gemacht hat. Dinge wie Rechtsstreitigkeiten kannten wir nicht und wussten nicht, was sie bedeuten.

In der Wolfsgangstraße sitzen wir in einer Einfahrt und machen Quatsch. Ein schwarzer Jeep hält neben uns; ein bulliger Mann mit kragenloser Bomberjacke steigt aus. Wir schauen genauer hin und murmeln, werden plötzlich aufgeregt. Ist er das? Wirklich? fragen wir uns.

Ich fasse mir ein Herz und spreche den Riesen an: “Bist Du echt Moses P.?”

Er sieht mich ein bisschen gerührt an, sagt: “Ohne Flachs, ich bin wirklich Moses P.”

Ein Staunen geht durch unsere kleine Gruppe. Wir vibrieren. Wollen ein Autogramm. Doch niemand hat Stift und Papier griffbereit. Um die Ecke ist eine Pizzeria; wir holen uns dort Notizblock und Kuli. Gehen zurück. Moses Ps Auto steht noch da, doch die Kumpels teilen uns mit, dass er zu seinen Anwälten gegangen sei. Dort hatte er einen Termin. Also warten wir. Das Problem: Als Kind vergeht die Zeit viel langsamer.

Ich weiß nicht, wie lange wir warteten; doch Moses P. musste seinen Termin wahrnehmen. Zwischendurch klingeln wir bei der Kanzlei. Nach ein paar hartnäckigen Versuchen kam eine Mitarbeiterin und schenkte uns handsiginierte Poster von Rödelheim Hartreim Projekt. Gökhan und ich hängten sie in unseren Kinderzimmern auf.

 

In Kürze setze ich hier fort. Wenn Dir meine Texte etwas geben, kannst Du sie mit der Facebook-Leiste liken und teilen - 

 

Hier Gökhan Tatchouop * Kam Blieb Ging Bleibt + + + Teil 2 

 

Bildquelle: www.1.bp.blogspot.de

Interview vom Eingang des Beginns * Erinnerungen aus Occupy

Interview vom Eingang des Beginns - Erinnerungen aus Occupy  Auf www.maxneu.de

Die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Gestalt – und wohl seit Jahrtausenden – beruht nicht (…) auf Anziehung, auf Attraktion, sondern auf der Verfolgung des je eigenen Interesses gegen die Interessen aller anderen. Das hat im Charakter der Menschen bis in ihr Innerstes hinein sich niedergeschlagen.

Zur Bürgerlichen Kälte. Theodor W. Adorno.

* * *

Well, if you told me you were drowning
I would not lend a hand

In The Air Tonight. Phil Collins.

* * * * *

Am Willy-Brandt-Platz, unter Banktürmen und vor den Überbleibseln des Occupy-Camps, bleibe ich stehen. Die Kulisse ruft Erinnerungen an einen Zombiefilm wach: “Land of The Dead” von George A. Romero. In dieser düsteren Zukunftsvision schottet eine wohlhabende Schicht sich von der Bedrohung durch Zombies ab, während der Bevölkerungsgroßteil gegen sie ankämpfen muss. Die Wohlhabenden leben in Glastürmen; der Rest existiert in Hütten.

Hier, am Eingang des Beginns, standen die Zelte. Über Wirtschaftsjournalismus hinaus bekannt geworden ist diese Umgebung durch die Werteschlacht zwischen den Occupybefürwortern und ihren Gegnern. Es gibt Menschen, die ihre demokratischen Grundrechte nicht nur durch die Sättigung von Paragraphen, sondern als Forderung zu politischer Veränderung begreifen wollen.

Ich treffe auf Protestler; sie sitzen an einer Theke. Drumherum Blumentöpfe und politische Slogans auf selbstgemachten Schildern und Transparenten. Auf einem steht: “Bankfurt räumt einen Platz.” Nachträglich hat jemand ein t vor das räumt geschrieben

Ob ich Fotos machen dürfe. Ich möchte nämlich erkennen, was hier geschehen ist.
Vor ein paar Tagen rückten sie mit Polizei und Baggern an.Trugen Menschen aus dem Camp hinaus. Strichen am nächsten Tag den Zaun neu und mähten den Rasen; parkten die Bagger um und beließen sie am Platz wie eine Machtdemonstration.
Sie strichen den Zaun in Grau. Wobei Zaun es nur bedingt trifft. Es ist eine merkwürdige Absperrung von 20 CM Höhe, die symbolisch anzeigen soll, der Rasen dürfe nicht betreten werden.

Die Berichterstattung über das Frankfurter Occupy-Camp bewegte sich nicht selten auf diffamierendem Niveau: Das Camp bot Lobbylosen wie den Roma eine Zufluchtsstätte. Nach der Räumung titulierte Bild.de: “Wer hat sich denn da alles eingenistet?”

Einnisten: Das klingt nach Vögeln, die wilde Nester bauen; unzähmbar und unzivilisierbar; frei – und unkontrollierbar.
Der Artikel setzt auf die Einseitigkeit und schlachtet aus, dass das Occupy-Camp Frankfurt zu einem Asyl für politisch Motivlose verkommen sei. Tatsächlich häufte sich deren Anzahl zum Ende hin. Doch blieb das nur ein Teil des Camps. Zur Gewissensberuhigung genervter Bürger und Unternehmer, die sich als Demokratiegefüge begreifen wollen, ist der Artikel gleichwohl geeignet. Den Ideen von Occupy wird das keinen Abbruch getan haben.

Die Ratten und vielzitierten – “katastrophalen” – Hygienezustände standen im Fokus der Berichterstattung über die Bild-Zeitung hinausgehend. In Berichten kleinerer Gratiszeitungen wie dem Stadtkurier stellte man die Probleme um Occupy dar – aber nicht die Möglichkeiten, die Occupy zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen hätte schaffen können; sofern der Versuch eines übergreifenden Dialogs stattgefunden hätte. Stattdessen die übliche Schimpfe. Pardon my language.

Der Stadtkurier erwarb occupythematische Artikel vom PIA. (Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main.) PIA klingt vertrauenswürdig. Doch steht es für objektive Berichterstattung? Weshalb ließen amtliche Berichterstatter die Motive, Forderungen und Zielvorstellungen von Occupy außen vor? Gewiss: Sie arbeiten für die Stadt; die Stadtdenker denken pragmatisch und suchen nicht nach denselben Veränderungen wie Occupy. Aber ist das schon alles?
Zeit für Fragen.

* * *

Ein Camp-Bewohner, Oli, bittet mich auf den Vorplatz, der mit rotweißem Absperrband notdürftig abgesperrt ist. Er stellt sich mir vor und ich lerne auch den Camp-Saxophonisten Nikolai kennen. Nicht zwei Minuten später erscheint ein Streifenwagen der Stadtpolizei. Ein Stadtpolizist und eine Stadtpolizistin steigen aus.
Der Polizist wird seine Sonnenbrille über die 10-minütige Kontrolldauer nicht abnehmen und weder mit Oli noch einem anderen der Bewohner das Gespräch gesucht haben. Im Gegensatz zu seiner Kollegin, die bemüht scheint, eine Art von Verständigung herzustellen. Sie fahren wieder. Zu Beginn des Gesprächs, das sich zwischen Oli, Nikolai und mir entfaltet, wird der Streifenwagen drei Mal um eine Ecke gebogen und langsam an uns vorbeigefahren sein; der Stadtpolizist sieht mich durch seine Sonnenbrille an. Ich lächle, denn solche Versuche der Einschüchterung bewegen sich auf einem archaischen und unschwer zu durchschauendem Niveau.

Oli klärt mich über die Vorgehensweise der Medien auf, die zur Errichtungszeit des Camps auf Storysuche vorbeikamen. Dabei gingen die Reporter nicht zimperlich vor – ein TV-Team riss die Plane eines Zeltes, in dem Oli und Mitstreiter saßen, auf. Sie hielten ein Mikrofon hinein, im Anschlag die Kamera. “Damit durchbrachen die unsere Privatspähre”, erinnert Oli sich. “Wir fragten sie, warum sie unangekündigt hereinplatzen und unsere Ruhe verletzen. Der Moderator, halb in unser Zelt eingedrungen, schien sich daran nicht zu stören. Oder nicht stören zu wollen.”

Zwischenfälle wie dieser gehörten nicht zur Tagesordnung. Doch wurden sie kontinuierlich von einer undifferenzierten Berichterstattung begleitet. Gleichzeitig trieben die Ordnungsbehörden die Demoralisierung der Bewohner und Sympathisanten sowie die Räumung des Camps voran. Das Camp wurde geräumt, ja. Aber gelang die Demoralisierung der Bewegung?

Die Räumung wertet Oli als Anschub. Als neuen Anschub für ein Camp, dessen Funktion schlussendlich immer uneindeutiger wurde. Durch die Zerschlagung würde die Bewegung auf die Probe gestellt.
Zum Ende des Gesprächs wird Oli sich eine Maske von Guy Fawkes anziehen und vor der Kulisse der Bagger und Hochhäuser für eine spontane Bilderserie posieren. Er ist ein Querdenker, der nicht jeden gesagten Satz stehenlässt, eine selbstreflexive Haltung einnimmt und sich begründet beschwert, wenn er eine bestimmte Formulierung für grenzwertig oder unpassend hält.

Der Camp-Saxophonist Nikolai schaltet sich in die Unterhaltung ein. Er trägt Krempelhut und schwarze Ray Ban-Brille, dazu weißes Kragenhemd mit schwarzdünner Modekrawatte.

Nikolai zählt sich zu einer Randgruppe. Aufgrund seiner Heroinabhängigkeit muss er drei Mal täglich ein Diamorphinprogramm aufsuchen. Daher habe er sich nie wie von ihm gewünscht in die Aktivitäten des Camps einfügen können; in der verbleibenden Zeit besuchte er Diskussionen und Vorträge auf dem Campgelände – oder spielte Saxophon.

“Die Ratten gab es lange, bevor wir kamen und die Zelte aufstellten”, so Nikolai. “Sie waren bereits da wie die Karnickel in den Parkanlagen und die Mäuse in den U-Bahn-Schächten des Willy-Brandt-Platzes. Auch die Drogenabhängigen wurden nicht vom Camp erschaffen, sondern von den Dealern und sich selbst gemacht. Die Roma sind staatenlos; wo sollen sie denn hin? Allerdings wurden sie alle Teil der Schlammschacht ums Camp.”

Warum aber diese Hetze? Dass sie Mittel zum Zweck blieb, ist erkennbar. Doch woher kam der Drang der Ordnungsbehörden, eine in den Grundzügen demokratische Bewegung zu unterbinden?
Nikolai, Oli und ich gingen dieser Frage nach; Nikolai dachte einen Moment nach und sagte: “Wer nichts zu verbergen hat, hat keinen Grund, Angst zu haben vor demokratischen Bestrebungen.”

Ich verstehe Nikolais Aussage so: Die Occupygegner müssen nicht zwangsläufig etwas Konkretes verbergen. Gleichwohl scheint mit ihrer Haltung eine Unsicherheit vor Kontrollverlust verbunden zu sein. Vielleicht könnten sie selbst Ideen darüber entwickeln, wofür Demokratie im Kern steht.

Politisch angewendet, kommt Demokratie kaum ohne Einschränkungen und Maßnahmen der Einschüchterung aus – auf Demonstrationen (selbst auf harmlosen Aufmärschen gegen Studiengebühren) werden Protestler von der Polizei flächendeckend gefilmt, was den Willen zu politischer Eigenaktivität demoralisieren und schwächen mag.
Bei Demonstrationen gegen den Frankfurter Opernball und somit gegen die Oberschicht steht das Größenverhältnis von Polizei zu Demonstranten in einem rabiaten Ungleichgewicht.
Die angekündigten Demonstrationen des Europäischen Aktionstages gegen den Kapitalismus im Mai 2012 führten zu einer hermetischen Abriegelung der Innenstadt. U-Bahnen fuhren am Willy-Brandt-Platz durch und hielten also nicht an; in Frankfurt nicht gemeldete Fahrzeughalter wurden von der Polizei am Einfahren ins Stadtzentrum gehindert. Die tatsächliche Demonstration fand unter massiver polizeilicher Umzingelung statt.
Also bitte: Das war das Gegenteil von Demokratie und rief Assoziationen an die Notstandsgesetze von 1968 hervor. Hier werde ich kein Blatt vor den Mund nehmen.

Nikolai hielt Occupy von Beginn an für etwas Unterstützenswertes. Durch seine Beteiligung an Occupy habe er eine neue Bewusstseinswerdung durchlebt und erkannt, dass die Welt veränderbar sei. Occupy habe Veränderungen geschaffen und Steine ins Rollen gebracht…

Das Angebot eines Stadtrats kurz vor der Räumung wirkte wie Augenwischerei und Machtspiel zugleich: Wenn die Bewohner freiwillig gingen, würde man ein symbolisches Zelt aufstellen. Hand aufs Herz – Der freiwillige Abzug hätte die Bewohner ihrer Würde und ihrer Ideale beraubt, für die sie in Zelten überwintert hatten, während ihre Gegner in beheizten Schreibtischzimmern an Paragraphen zur Campräumung bastelten. Die Machtverhältnisse waren doch von Anfang an klar gegeben und gekennzeichnet. Umso weniger nachvollziehbar, dass man zur Räumung nicht einen Schritt auf die vom Platz Vertriebenen zuging und das Zelt in jedem Falle aufstellen ließ. Somit hätte man echte Verständigungsbereitschaft bewiesen. Kurz vor der durch Polizeigewalt durchgesetzten Räumung mit solchen Scheinkompromissen hausieren zu gehen, zeugt vom Gegenteil.

* * *

Er saß dann im Wirtshaus und las in der Zeitung die Wirtschaftsberichte, bis die Zeit kam, zu der Sitzung aufzubrechen. Unterwegs im Wald traf er einen zweiten Herrn, der ebenfalls schon zur Sitzung marschierte: dieser stand an ein Wegkreuz gelehnt und hielt mit der einen Hand seinen Hut fest, mit der andern umklammerte er vor dem Mund einen gefrorenen Apfel; auf Stirn und Haaren lag der Schnee. Ich sagte: der Schnee häufte sich auf den Haaren, er aß von einem gefrorenen Apfel.

Begrüßung des Aufsichtsrats. Peter Handke.

 

Mehr Informationen über die politische Lage der Roma gibt es hier:

http://anti-ziganismus.de/artikel/kurzer-bericht-ueber-den-juristischen-status-von-roma-und-romani-fluechtlingen-in-deutschland/

http://www.badische-zeitung.de/freiburg/seit-mehr-als-elf-jahren-in-der-sammelunterkunft–53569681.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Roma#Diskriminierung_und_Verfolgung

Hier ein sehr lesenswerter Artikel zum massiven Polizeiaufgebot am 19.05.2012

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/blockupy-grossdemonstration-gegen-kapitalismus-in-frankfurt-a-834002.html

Bildquellen

Titelbild: www.faz.net

Artikelbild mittig: static.gulli.com

Brief an einen Betrügerischen Händler / Prototypen der Gier und ihre Besetzung durch die Ideendenker

Brief an einen Betrügerischen Händler / Prototypen der Gier und ihre Besetzung durch die Ideendenker  - Auf www.maxneu.de

Dieser Text ist den Aktivisten der Occupy-Camps, den Anhängern der Occupy-Idee und dem Glauben an die Einsichtigkeit Joseph Ackermanns gewidmet.

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Brief an einen Betrügerischen Händler

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Prototypen der Gier und ihre Besetzung durch die Ideendenker

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Borrow the God jewels, Gucci goggles
That’s how the God do, Motown twenty-five
My office like Smokey’s voice, little moist, but choice

Ghostface Killah.Stay True.

* * *

Hallo Khaled Chalid,

hast Du wirklich gedacht, ich fiele auf den Trick rein – mir eine Jacke als neu verkaufen zu wollen, die gebraucht ist? Ich dachte, wir wären geschäftlich auf Augenhöhe; warum sind wir es nicht?

Die Beschreibung der Jacke ist in sich eine Fälschung: unechte Fotos und unechte Beschreibungen; das Unechte. Warum hast Du das getan? Weshalb lässt Du Dir von mir $ 300,00 für eine neue Jacke überweisen, doch sendest mir eine für den Blinden erkennbar ausgetragene Jacke (–)

* *

Khaled Chalid,
im Innern der Jacke belässt Du das Preisschild.

Khaled Chalid,
auf dem Preisschild (angebracht im Innern der Jacke) streichst Du dilettantisch den verschwindend geringen Preis aus; streichst ihn so aus, dass man den Betrug ohne Anstrengung erkennen kann.

Khaled Chalid,
ich bin sauer. Du bist ein Betrüger.

Du bist ein Betrüger, Khaled Chalid. Ich bin sauer.

* *

Du dachtest, ich würde den Betrug nicht bemerken. Dachtest, ich würde den Betrag nicht bemerken. In der Hoffnung auf einen schnellen, fetten Schnapp bist Du unvorsichtig geworden. Du wurdest unvorsichtig, vom Geld gelockt.

Mit dem Geld, Khaled Chalid, ist es so eine Sache; das wusstest Du nicht. Das wusstest Du nicht?
Oder: Du wolltest es nicht wissen, da Du Dich für ewig und unbesiegbar hältst; zugegeben… Du bist unbesiegbar und Du bist ewig.

Du, Khaled Chalid, bist ein Prototyp der Gier. Deshalb bist du als Khaled Chalid besiegbar; nicht als Prototyp der Gier. Aber nicht alle Prototypen kommen durch. Nicht alles gelingt einem Prototyp; ein Prototyp ist nicht narrensicher und nicht vor der Okkupation durch Ideendenker geschützt.

Deine persönliche Gratwanderung zwischen Gier und geheuchelter Vernunft. Heuchle vor Dir selbst, heuchle vor den anderen. Es ist ohne Bedeutung.

Der Prototyp in Dir lässt sich übertragen auf andere Prototypen; Grundzüge und Verhaltensmuster tragen Bedeutung.

* * *

Oh God I am the American Dream
I do not think I’m too extreme
And I’m a handsome son of a bitch
I’m gonna get a good job and be real rich
(Get a good, get a good, get a good, get a good job)

Frank Zappa. Bobby Brown.

* *

“Man nennt uns Träumer. Doch die wahren Träumer sind diejenigen, die tatsächlich glauben, dass die Ungerechtigkeiten im Weltwirtschaftssystem auf ewig einfach so weitergehen.”
Der Philosoph Slavoj Žižek im Occuppy Camp New York. Oktober 2011

* * *

Der Prototyp der Gier hat weltweite Camps aus Besetzern erschaffen. Besetzer, die kamen, blieben und vertrieben wurden. Sie wurden vertrieben, da die Angst vor Veränderung in allen existiert.

Der Prototyp der Gier benötigt Klassen und Milieus nicht. Er ist.

Man streicht den Zaun neu; man räumt auf; man hinterlässt nicht. Man hinterlässt nichts, aber man hinterlässt nicht Nichts. Die Zerstörung und die Vertreibung weisen auf Angst vor Kontrollverlust hin. Angst, entstanden zur Errichtung der Camps.
Hinterlassenschaften halten Erinnerungen am Leben. Die Vernichtung erschwert die Fähigkeit zur Erinnerung. Wer nicht erinnert, vergisst. Wer vergisst, der fängt zu Schweigen an. Aber wer denkt, ist nicht wütend.

Wer nicht wütend ist, kommt weiter. Die Repression der Hochhäuser duldet die Wut in einem aufgeschminkt gezähmten Maße.

Auf den Hauptversammlungen der Aktionäre entsteht Aufregung unter den Prototypen der Gier; der Grund ihres Zusammenkommens ist das Geld; auch das Geld zum Durchkommen; auch das Geld zum Haben; das Geld zum Geld zum Geld des Geldes des Gelds zum Geld; das Geld zu haben nicht ohne zu – Nicht alle Prototypen der Gier sind Prototypen der Gier.

Ein Prototyp der Gier redet am Rednerpult von Quartalen und er erzählt Erzählungen aus Zahlen. Spricht Gemische aus Zahlen und Sprache aus.

Die Repression der Hochhäuser fördert die Vernunft des Geldes. Also: Alles ist in Ordnung. Wir haben abgebaut: Risiken, Zelte, Risiken. Die Bagger kamen. Die Bagger rückten an; die Bagger kamen, sahen und mähten die gesäten Ideen fort.

Die Erschaffer der Ideen nahmen die Ideen mit; sie sind gegangen und stehen vorm Eingang des Beginns. Der Eingang des Beginns kann nicht geschlossen werden. Von: Niemanden. Einzig durch die gezielte Exekution aller Ideendenker, Ideenanhänger also den Lebemenschen und Protestdenkern aus Idealen ließe der Eingang des Beginns sich – zeitweise – verschließen.

Wir leben in keinem Regime. Keiner kann kommen, die Denker der Ideen auszurotten; also, die Ideen, sie kamen, blieben und bleiben; die Ideen werden geblieben sein.

Wie geht es Ihnen? Weiter geht es mit der Personalform “DU.” Wie geht es Dir, Du? Was ist los mit Dir?

Vor den Hochhäusern stehen Schranken aus Angst. Denen ist etwas klargeworden; ob Angst, Einsicht, Angst, ein überhebliches Belächeln der Entscheidungsträger – auf welche Art, wie oft pro Tag, wie verfälscht, ungetrübt oder beteiligt/teilnahmslos/beteiligt die Entscheidungsträger also lächeln, spielt keine Rolle. Auch wenn ihre Art zu lächeln an eine Rolle erinnert.

Zu lächeln erhält Berechtigung in Kloaken, Palästen und den Hütten. Das Lächeln erhält seine Berechtigung aus der letzten, unausgesprochenen Sprache.

Das Letzte, Erste, Ungesagte, den Prototypen der Gier Entgegengesprochene erhält seine Berechtigung nun erst recht in seiner Verneinung der Entscheidungsträgerhaltung. Die Entscheidungsträger hantieren mit Entscheidungen von Tragweite. Die Ideendenker setzten sich mit Ideen von Tragweite auseinander, die zu Entscheidungen werden.

Es hört nicht auf; kann nicht mehr beendet werden; ist ins Rollen gekommen; stemmt sich gegen die Verfälschung einer Berichterstattung aus Interessen wie Prototypen der Gier.

Die Ideen sind im Wind wie ihr Scheitern; die Ideen halten den Wind besetzt mit dem Glauben an ihr Gelingen.

Bildquelle: www.stern.de

Geldmachers Verkauf TEIL 1 – Geldmacher trifft auf Wannsinn

Geldmachers Verkauf   Auf www.maxneu.de, dem Kultblog

A bunch of lonesome and very quarrelsome heroes
Were smoking out along the open road…
“I’d like to tell my story,”
Said one of them so bold,
“Oh yes, I’d like to tell my story
‘Cause you know I feel I’m turning into gold.”

A Bunch Of Lonesome Heroes. Leonard Cohen

 

Mein Name ist Geldmacher. Wer das liest, mag denken: das ist kein richtiger Name. So heißt niemand. Doch es stimmt;  zuerst wollten meine Eltern mich Radio Nachtigall nennen, doch verwarfen das, da mein Vater träumte, dieser Name könne ein Unglück nach sich ziehen. Meine Eltern entwickelten weitere Ideen (Don Camillo, Lexor und Le Grande) und entschieden sich nach mehreren, unruhigen Nächten für einen deutschen Namen: Geldmacher. Nomen est omen: Ich wurde Verkäufer. Vertriebler. Geschäftsmann. Ein guter, hoffe ich, denn ich mag das nicht selbst beurteilen. Vor nicht langer Zeit setzte ich meinen Fuß in die Tür eines Konzerns und mache seither gut gehende Geschäfte.

Ich bin jetzt finanziell abgesichert für die Zukunft. Doch soll das alles sein? Wonach suche ich eigentlich? Vor Kurzem erwachte ich und dachte, dass mir etwas fehlt. Ich konnte nicht zuordnen, was das sei, und erkannte, dass ich ein neues Ziel brauche. Ich wollte mich selbst übertreffen. Ich brauchte einen neuen Erfolg. Ich griff zum Telefon und machte Kaltaquise. Ich rief Menschen an, deren Kontaktdaten ich auf halblegalem Wege über einen Adressdatendienst erworben hatte. Gut lief es nicht. Tagelang saß ich am Telefon und je mehr mir bewusst wurde, das nur aus Langeweile zu tun, desto schwieriger gestaltete mein Vorhaben sich.

An einem grauen Nachmittag rief Herr Wannsinn an. Es war ein Nachmittag ohne spezielle Gerüche und Farben. Ich hatte ein letztes, gescheitertes Telefonat beendet, und dabei mit Entschlossenheit und aufgesetzter Souveränität eine branchenübliche Abschiedsfloskel ins Telefon gestöhnt.

Im Moment des Auflegens klingelte mein Handy. Eine Nummer aus Rheinland-Pfalz. Lustlos ließ ich es klingeln und machte mir eine Tomatensuppe mit Croutons. Die Vorteile einer Suppe sind ihre Schnelligkeit und Flexibilität: Sie dauert nicht lange und während sie fertig wird, bleibt Zeit für das Notwendige. Beim Schlürfen der Suppe sah ich mir die Nummer auf der Liste meiner Anrufe in Abwesenheit an und glaubte zu erkennen, dass es die Nummer eines Vertreters für Großkartons sei.

Sein Name ist Strunzke. (Nomen est omen.) Ich habe diesem Mann mehrfach erläutert, dass ich kein geeigneter Abnehmer für Großkartons bin und auf einer anderen Baustelle arbeite, doch er ist beharrlich und kontaktiert mich seither einmal pro Quartal.

Ich tippte die Nummer in meine Datenbank ein und rechnete mit Strunzke. Im Gegenteil aber erschien die Firmenanschrift des mittelständischen Unternehmers Wannsinn. Er besitzt eine Molkerei und ein Versandhandelsunternehmen. Wannsinn rief mich aus der Molkerei an.

Ich erinnerte mich an Wannsinn. Er ist ein störrischer Unternehmer. Das Ausstrahlen von Unzufriedenheit und das Aufzählen von Mängeln sind fester Bestandteil seiner Geschäftspraktiken. Mein Produkt an ihn zu verkaufen, wird ein Nervenkitzel sein. Ich weiß noch, wie er vor zehn Jahren mit Risiko, Ehrgeiz und Beharrlichkeit sein Unternehmen aufgebaut hat. Mir ist bewusst, dass ein Unternehmer der keine finanzielle Rückendeckung genießt, auf die Manipulation und das Hereinlegen von anderen Unternehmern angewiesen sein kann; ich habe nicht wenige kennen gelernt, die diese Taktiken aus der Bequemlichkeit heraus, sich nicht mehr verändern zu wollen, verfeinert haben.

Für mich ist Geld zweitrangig. Ja: ich heiße Geldmacher. Ja: Ich mache Geld. Doch es geht nicht nur ums Geld, sondern vielmehr um das Erleben des Erfolgs. Der Erfolg ist die Goldkette des Selbstwertgefühls. Erfolg tut mir gut und gibt mir etwas. Doch die Befriedigungen des Erfolgs sind flüchtig gebaut. Erfolg ist wie eine Diskonacht: Erst macht er Spaß. Aber nicht lange und und er löst sich wie der Nebel einer durchfeierten Tanzfläche in Luft auf. Das ist der Moment, da die Freude der Ernüchterung weicht. Diesen Moment erwarte ich. Ich nenne ihn Antrieb.

Ruhe kenne ich nicht. Wenn mir jemand das gute Wetter zu genießen wünscht, verstehe ich zwar die soziale Codierung und zwischenmenschliche Bedeutung dieser Floskel, doch emotional begreife ich das nicht. Balance und innere Ausgeglichenheit kommen mir wie Worte einer fremden Sprache vor. Ich muss handeln, um handeln zu können.

Es kann also losgehen: Herr Wannsinn signalisiert, Interesse an meinem Produkt zu haben. Nicht bloß ein Telefonat mit ihm ist überstanden und auch seinen rheinland-pfälzischen Saumagendialekt habe ich überlebt. Für mich, einen Verkäufer, ist Wannsinns Visitenkarte nicht seine Mundart. Was zählt, ist die Menge, die er von meinem Produkt kaufen will. Und da er andeutet, viel kaufen zu wollen, hat er ein Recht auf einen nicht ungebührlichen Empfang. Wannsinn wird sich willkommen und gut beraten fühlen. Vor dem Treffen mit ihm werde ich mir in ausgiebiger Recherche neueste Erkenntnisse der Wissenschaft über das von mir vertriebene Produkt aneignen und kritisch miteinander vergleichen.

Nur ein beeindruckender Informationsvorsprung ist überhaupt einer, alles andere wäre dilettantisch. Herr Wannsinn wird mich ausfragen. Es darf keine Frage unbeantwortet bleiben, und falls doch, kann er mich jederzeit und gerne kontaktieren. Durch die Erläuterung tiefgehender Produktdetails, von denen Wannsinn mit sicherer Wahrscheinlichkeit noch nicht gehört hat, ist mir sein Neid und somit seine Bewunderung gesichert. Dadurch ist ein gelingender Geschäftsabschluss in der ersten Verhandlungsphase anzusteuern. Der Wissende hält die Karten. Herr Wannsinn, der Fragende, dominiert das Gespräch in diesem Falle bloß scheinbar.

Bevor Herr Wannsinn sich auf den Weg zu mir, in eine ferne Stadt macht, sende ich ihm mein Angebot zu. Er wird es aufmerksam mit den Preisen meiner Konkurrenten vergleichen. Der Zufall ist der Feind des Gewinns. Wannsinn rechnet nicht bloß zweimal nach. Nichts darf ihm entgehen. Sollte er doch etwas übersehen, wird er es unbewusst spüren, und deshalb schwieriger für einen Kauf zu gewinnen sein.

Ich ticke vor Selbstbewusstsein, doch werde nicht explodieren. Etwas, das mich aufhalten könnte, wäre mir nicht bewusst. Bis auf meine Depression; doch je mehr ich handele, desto weniger denke ich. Und darauf kommt es an: Der Depression durch ständiges Tun ihren Einfluss zu nehmen. Das Nichtstun ist der Nährboden für Depression und das Handeln ihr Gegner. Ich bin kein Torwart und mein Name wird nicht Robert Enke gewesen sein. Mein Sportsgeist besteht aus der kargen und ermutigenden Philosophie von Kontozahlen.

Das zigmal von mir überarbeitete Angebot findet Wannsinn bereits gut – aber heimlich. Überzeugt zu sein, muss er vertuschen, wenn er wirklich handeln will. Ich begegne ihm aufgeschlossen, spiele dieses Spiel mit. Nach einem ersten Händedruck werde ich durch professionelle Lockerheit langsam das Eis gebrochen haben. Im zweiten Schritt gebe ich mich direkter und spreche an, dass wir beide ein Geschäft machen wollen. Meine Körperhaltung und mein Ausdruck signalisieren in diesem Moment eine größtmögliche Offenheit.

Die Karten können sichtbar auf den Tisch gelegt werden. Verkauf ist kein Glücksspiel. Ich werde Herrn Wannsinn auffordern, mir darzulegen, welche Preise die Konkurrenz verlangt. Genau jetzt, wenn Wannsinn mir einen bestimmten Kaufpreis nennt, bin ich darauf angewiesen, auf die Verziehungen seiner Gesichtshaut und eine mögliche Veränderung in seinen Augen zu achten. Natürlich wird er mich belügen können, ohne dass ich es merke. Und natürlich lassen sich Wannsinns aus der Luft gegriffene Behauptungen leichter zerstreuen als stichhaltige. Aber noch ist eine Unterscheidung hier schwierig, da ich Wannsinns Angaben nicht nachprüfen kann: Die Verhandlungen, die er mit der Konkurrenz führt, sind von kaufmännischer Intimität. Weder Wannsinn und erst recht nicht die Mitbewerber würden Details nach außen kommunizieren.

Doch das ist egal. Denn das Angebot, das Herr Wannsinn von meinen Konkurrenten erhalten hat (sei es von ihm erfunden oder ihm tatsächlich unterbreitet worden) stellt einen Wegweiser dar, der mir zeigt, woran ich an ihm als Geschäftspartner bin. Die gezielte Erwähnung dieses Angebots kann eine codierte Forderung bedeuten: Nennt er mir ein utopisches Angebot, um durch die Hintertür von mir ein noch utopischeres einzufordern, mache ich erst mal ein Witzchen. Wannsinn wird dies als konventionelles Zeichen dafür verstehen, dass ich ihn durchschaue. Laien stehen sich hier nicht gegenüber – Wannsinn und Geldmacher sprechen dieselbe Sprache unausgesprochener Tricks.

Herr Wannsinn muss nun erkennen, dass ich ihm entgegenkommen kann, doch Übertreibungen nicht hinnehme und etwas für mein Produkt verlange. Er wird akzeptieren, keinen Preis unter Wert von mir zu erhalten. Vermutlich hat er bei meiner Konkurrenz bereits ähnliche Taktiken angewendet. Doch wäre jemand darauf reingefallen, befänden Wannsinn und ich uns nicht in diesem Verkaufsgespräch. Zu einem Dumpingpreis hätte er zugeschlagen, das Risiko seiner Investitionen abgemildert und könnte sich auf einen guten Gewinn freuen. Wannsinns Anwesenheit verrät das Gegenteil.

Genauso allerdings könnte ein Konkurrent auf Herrn Wannsinns Versuche, den Preis nach unten zu treiben, umgehend und ohne die Anwendung von Verhandlungstechniken eingegangen sein. Naheliegend, dass Wannsinn skeptisch wurde. Der Versuch seines Preisdumpings mag nur halbernst gemeint gewesen sein, doch plötzlich war er von einer Sekunde auf die andere damit konfrontiert, einen unterqualifizierten und unerfahrenen Verkäufer vor sich zu haben.

Ein solcher Verkäufer ist bloß ein so genannter und das Gegenteil eines Geschäftspartners: Er würde Herrn Wannsinn inkompetent beraten. Um die Fähigkeiten dieses Pseudoverkäufers nachzuprüfen, stellte Wannsinn gezielte Fragen, die über das Allgemeinwissen zu dem Produkt hinausgingen, und die der andere, über Umwege, halbrichtig beantwortete.

Der Pragmatiker Wannsinn war alarmiert, schließlich plant er eine hohe Investition. Kurzum: Das Verkaufsgespräch hörte auf, bevor es überhaupt begann. Herr Wannsinn möchte ja keine Beratung auf einen Mp3-Player: Es geht um Geld. Spätestens nun atmete Wannsinn, wenn auch verborgen, schneller und schwerer als vor der Erkenntnis, es mit einem Stümper zu tun zu haben, der durch gefährliches Halbwissen und einfältiges Herumplaudern seine und die Existenz anderer aufs Spiel setzt. Ein solch unfähiger Verkäufer (mag er als Privatmann noch so sympathisch sein) würde freigiebig Betriebsgeheimnisse ausposaunen und dadurch gegen das kaufmännische Ethos der Verschwiegenheit verstoßen. Die Folge ist eine disziplinarische Geldstrafe des Arbeitsgerichts.
Dann spätestens wird der Ernst der Lage auch ihm dämmern – doch wenn er die Geldstrafe nicht zahlen kann, droht eine Haftstrafe, und die einzige Möglichkeit, einen Gefängnisaufenthalt abzuwenden, ist ein Offenbarungseid. Finanzielle und soziale Zukunft des Mannes sind von heute auf morgen zerstört. Hat er Familie, wird er sie nur noch durch unterbezahlte Schwarzarbeit ernähren können. Offiziell erworbenes Einkommen zieht der Staat ein.

Nein. Nicht mit Herrn Wannsinn. Lächelnd zieht er seinen Kopf aus der Schlinge. Wannsinn handelt, lässt sein Gegenüber ausreden und beendet das Gespräch mit der Ausrede, nun doch zu einem Meeting zu müssen.

Deshalb wird Wannsinns Preisentwertungsversuch bei mir bloß noch ein Abprüfen meiner verkäuferischen Reife sein. Dass der Versuch bei mir nicht gelingt, wird Herr Wannsinn (der nach wie vor vorsichtig bleibt) anzuerkennen wissen. Er begreift, mit wem er es zu tun hat. Mein Produkt nicht zum Dumpingpreis zu prostituieren, erhöht den Wert des Produktes. Das beflügelt Wannsinns Spekulationen über seine möglichen Gewinne. Plötzlich erhält mein Produkt für Wannsinn einen fühlbar attraktiven Marktwert.

Für so ein Produkt wird er selbst viel verlangen können. Herr Wannsinn hält es inzwischen für gut, dass beide Parteien, er und ich, an diesem Geschäft verdienen. Letztlich findet er mein sorgfältig konzipiertes Angebot um Längen besser als die Papierlappen der Konkurrenz – was nicht heißt, er verzichte darauf, mein Angebot vor einer Unterzeichnung noch mehrere Tage lang zu durchdenken, wiederholt nachzuprüfen, und weitere Vergleiche vorzunehmen.

Dennoch: Eine herausragende Beratung ist eine herausragende Beratung. Schlussendlich sieht er die Verhandlungen mit meiner Konkurrenz als Zeitverschwendung an, löscht ihre Kontaktdaten und kennzeichnet mich als Premiumverkäufer in der Datenbank seiner Geschäftspartner. Zu einem nicht unerheblichen Teil wird dies der Tatsache geschuldet sein, dass Herr Wannsinn die Vorteilhaftigkeit und, pathetisch ausgedrückt, die Moral meines Angebotes jetzt begreift.

Doch machen wir uns nichts vor. Die Höhe von Wannsinns Investitionen zwingt ihm eine Blockadehaltung auf. Sein Kosten-Nutzen-Kalkül steht zwischen uns wie der Eiserne Vorhang zwischen zwei Ideologien. Die Tür ist noch lange nicht offen. Tricks können nur bedingt helfen. Suggestion, Codes, Witze – das macht alles keinen Sinn mehr.

TEIL 2 FOLGT AM 18.03.2012 UM 18:03 UHR

Bildquelle: www.handelsblatt.com